Gedenkort Anstaltsfriedhof

Planskizze
Planskizze (1938)

Die Friedhofsparzelle des St. Josefsheims Waldniel war 1.210 Quadratmeter groß und lag nordwestlich der Anstaltsgebäude am westlichen Rand der Liegenschaft. Unter der Provinzialverwaltung änderte sich die Belegung der Pflegehäuser, so dass  es notwendig wurde, den Friedhof zu erweitern. Dies war ohne Probleme möglich, da auf der einen Seite ein Sportplatz und auf der anderen Gartenflächen zur Verfügung standen. Die n i c h t maßstäbliche Planskizze zu einem Bauantrag  gibt die Situation im Jahr 1938 wieder. Im Jahr 1958 wurde die Bestattungsplatz mit einer Größe von ca. 2.400 Quadratmetern in den Kataster eingetragen.

 

In diesem Jahr wurde der Friedhof der ehemaligen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal Zweigstelle Waldniel Eigentum des 1947 gegründeten Pfarr-Rektorats St. Mariae Himmelfahrt. Im Jahr 1962 wurde er von Anstaltskapelle 1968dieser Kirchengemeinde als Ehrenfriedhof und im Jahr 1988 von der Kommunalgemeinde Schwalmtal als Gedenkstätte für die Opfer des nationalsozialistischen „Euthanasie-Programms“ der Öffentlichkeit übergeben. Die Patenschaft wurde der Hauptschule, heute Europaschule Schwalmtal, übertragen.

Im Jahr 2018 wird dieser nach dem Entwurf von Struber/Gruber, Wien, im Auftrag des LVR aufwändig umgestaltete Gedenkort der Öffentlichkeit übergeben.

 

 Gräberlisten

Die Gräberliste der erwachsenen Kranken führt für die Zeit der Provinzial-Heil-und Pflegeanstalt Zweigstelle Waldniel 523 Berdigungen auf, von Nr. 301 (1937) bis Nr. 822 (1951), darunter sind die von 5 Kindern.
Die separate Liste für die Kindergräber beginnt mit Nr. 1001 und endet mit Nr. 1079. Es sind 70 Kinder aus der Kinderfachabteilung Waldniel aus den Jahren 1942/43 sowie 9 aus dem Jahr 1944 (Archiv Pfarre St. Mariae Himmelfahrt, jetzt St. Matthias, Schwalmtal).

1944 beherbergte die Anstalt das Ersatzkrankenhaus Hehler, in welchem u. a. auch Patienten aus Rheydt und aus der Kinderklinik Düsseldorf behandelt wurden (Kreisarchiv Viersen).  Im Jahr 1944 gab es nur 17 (siebzehn!) Beerdigungen, 8 Erwachsene, 9 Kinder. Zwei russische Kindergräber, Grab.-Nr. 1075 bzw. 1078 waren noch 1949 laut Planskizze auf dem Friedhof am Rand zum Sportplatz hin aufzufinden (Kreisarchiv Viersen).

Gräberplan AnstaltsfriedhofDer Friedhofsplan der Franziskaner ist erhalten (Pfarrarchiv St. Matthias). Er zeigt die „Anordnung der Gräber auf dem Friedhof des St. Josefsheims“. Die letzte Bestattung, Grab-Nr. 300, erfolgte im Dezember 1935.

Unter der Provinzial, Stempel oben rechts,  wurden die Gräber nicht mehr in Tusche eingetragen, sondern in Bleistift. Für die Zeit nach dem 23. März 1941, Grab-Nr. 441, existiert kein Plan. Genaue Lagebestimmungen einzelner Gräber sind deshalb für den Zeitraum bis 1951 nicht möglich.  Hinzu kommt, dass es, wie verschiedene Zeitzeugen berichteten, auch Sammelgräber gab.

 

Umbettungen

Die letzte Beerdigung auf dem Anstaltsfriedhof Waldniel-Hostert fand am 8. Juli 1951 statt. Von 1937 an wurden in der Zeit der Provinzialverwaltung  520 Erwachsene und 99 Kinder bestattet. 70 von ihnen waren Patienten der Mitte 1943 aufgelösten „Kinderfachabteilung“  (Pfarre St. Matthias, früher Mariae Himmelfahrt: Gräberverzeichnis).

Weiterhin gab es aus der Zeit der Franziskaner die Gräber von 9 Brüdern und 3 Priestern. Diese wurden nach dem Verkauf an den Bund  im Frühjahr 1957 umgebettet (Archiv der Franziskanerbrüder v. Heiligen Kreuz).

1958 wurden noch v i e r Patientengräber in einem gepflegten Zustand vorgefunden. Die Umbettungen wurden durch die Gemeindeverwaltung Waldniel in die Wege geleitet (Kreisarchiv).

Nach den Kämpfen am 1. März 1945 wurden 53 Soldaten und 5 Zivilisten am Rand des Anstaltsfriedhofs beerdigt. Am 8. Dezember 1 9 5 3 wurden sie nach Wickrath umgebettet, 2 Zivilisten nach Waldniel (Kriegsgräberfürsorge).

 

Gedenkstätte I (1962)

Da die kath. Kirchengemeinde die Anstaltskapelle seit 1947 als Kirche nutzte, war es verständlich, dass man 1958 vom Bund den nicht mehr gepflegten Friedhof zur eigenen Nutzung erwarb. Jedoch stellte sich dann heraus, dass er „überbelegt“ war und wegen der Einhaltung der Ruhefristen keine Beerdigungen vonseiten der Pfarre vorgenommen werden durften.

Daher wurde 1962 die ca. 2.400 qm große Friedhofsparzelle mit großem Aufwand, mit Eigenleistung und finanzieller Unterstützung des Bistums Aachen in Höhe von 9.200 DM, als Ehrenfriedhof gestaltet. Wege wurden angelegt, Fichten und Laubbäume gepflanzt und ein Hochkreuz als Ehrenmal errichtet.  Die Inschrift auf rechten Seite erinnerte an die in den Weltkriegen Gefallenen, die auf der linken war gewidmet „Den Toten auf diesem Friedhof – St. Josefsheim Hostert – 1939 -1945“. Totensonntag 1962 wurde diese Gedenkstätte (Einladung an die St. Josefs-Schützenbruderschaft Hehler) eingeweiht.

 

Gedenkstätte Hostert
Hochkreuz (1962)

Nachdem 1978 eine neue Pfarrkirche an der Waldnieler Heide eingeweiht worden war, bemühte sich der Kirchenvorstand, den ehemaligen Friedhof durch Verkauf oder Tausch los zu werden. Das Hochkreuz wurde abgebrochen, der Amtsarzt des Kreises gab 1979 grünes Licht zur Entwidmung, aber es fand sich kein Interessent.

 

 

Tafel von 1980 am Hochkreuz
Opfergedenken (1980)

1980 wurde das Hochkreuz im Pfarrgarten hinter der neuen Kirche wieder aufgebaut und zwei Jahre später  mit zwei Gedenktafeln versehen. Eine erinnert an das Leiden und Sterben der geistig Behinderten und Kranken in der Anstalt: „Den unschuldig Ermordeten, St. Josefsheim Hostert, 1939-1945“.

 

 

Gedenkstätte II (1988)

Im August 1985 beschäftigte sich der Rat der Gemeinde Schwalmtal auf einen Bürgerantrag hin mit den NS-Verbrechen in Waldniel-Hostert. Ratsherr Hubert van Horrick schlug vor, aus dem Anstaltsfriedhof eine Gedenkstätte zu machen. Anfang 1986 beschloss der Jugend-, Kultur- und Sozialausschuss der Gemeinde einstimmig, den mittlerweile entwidmeten  Friedhof von der Pfarre zu pachten und als Gedenkstätte für die Opfer der „Nazi-Euthanasie“ herzurichten. Die Patenschaft für die entstehende Gedenkstätte wurde Anfang 1987 der Hauptschule Schwalmtal, heute Europaschule, auf ihren Antrag hin übertragen.

Hauptschüler 1987 bei der Arbeit
Planierarbeiten (1987)

Die Schüler der 9b beteiligten sich 1987 mit großem Einsatz an den Arbeiten zur Herrichtung der Gedenkstätte. Zusammen mit ihrem Klassenlehrer Peter Zöhren machten sie sich in Klasse 10 daran, die Geschichte der Anstalt und ihrer Bewohner zu erforschen. Daraus entstand zunächst Frühjahr 1988 im Rahmen einer Projektwoche eine Plakatwand, die im Bürgerhaus der Gemeinde und dann auch im Kreishaus in Viersen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

 

 

In demselBroschüre von 1988ben Jahr wurde die Broschüre über die Anstalt in Hostert, die Arbeit der Franziskaner, die „Kinderfachabteilung“ und das „Euthanasie-Programm“ der Nazis in der Werkstatt für Behinderte in Oberbruch, Kreis Heinsberg, gedruckt. Das Heft wurde 2005 im Heilpädagogischen Zentrum Krefeld-Kreis Viersen neu aufgelegt. Das Heft ist zu einem Preis von 2 € zu beziehen beim Autor (s. Impressum), beim Bürgerservice im Rathaus und in der Europaschule, Schwalmtal Schulstr. 50.

 

 

 

 

 

Gedenkstätte Hostert Stein
Kissenstein (1988)

Die Inschrift auf dem Kissenstein „Den unschuldigen Opfern“ war den kleinen und großen Patienten gewidmet, die in Waldniel-Hostert gestorben sind bzw. in der Kinderfachabteilung ermordet wurden.

 

 

 

 

Bronzetafel 1988
Bronzetafel (1988)

Am 26. November 1988 wurde die Gedenkstätte in einer Feierstunde, begleitet von Presse und Fernsehen, der Öffentlichkeit übergeben.Den musikalischen Rahmen gestaltete ein Bläserensemble unter Heribert Prell. Anwesend waren zahlreiche Bürger, Mitglieder des Gemeinderates und der Verwaltung, der Lebenshilfe Viersen, Heinsberg und Neuß, des Arbeitskreises Hephata, Mönchengladbach, Schüler der zehnten Klassen der Hauptschule und die bereits entlassenen Schüler des Jahrgangs 87/88, die Schulleiter der Schwalmtaler Schulen und der benachbarten Windsor-School (bislang Kent-School). Hubert van Horrick begrüßte als Schulleiter der mit der Patenschaft betrauten Hauptschule namentlich Bürgermeister Jacobs und Gemeindedirektor Hutzler, Pastor Goedeking, Pastor Koerschgens, den leitenden Arzt Dr. Poeppe und den Verwaltungsdirektor Müller der psychiatrischen Klinik des LVR in Viersen-Süchteln, den Vorsitzenden des Landesverbandes der Lebenshilfe für geistig Behinderte Speck und Schulamtsdirektor Smets. Fotos und Auszüge aus den Ansprachen von Bürgermeister Jacobs, Pastor Goedeking  und dem Landesvorsitzenden Speck sind in der Chronik zu finden.

 

Einweihung 1988 (Screen Shot)
Einweihung (1988)

1996 regte der damalige Bundespräsident Herzog an, den Tag der Befreiung von Auschwitz als Gedenktag für die Opfer des Nazi-Terrors zu begehen. Am 27. Januar gedenken seitdem Schüler und Lehrer der Hauptschule, heute Europaschule Schwalmtal, alljährlich auf der Gedenkstätte Hostert in einer öffentlichen Gedenkstunde der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, den in der Zweigstelle umgekommenen Patienten, insbesondere der in der Kinderfachabteilung Waldniel ermordeten Kinder.

 

 

Gedenkstätte Hostert ; Foto 2007, Zöhren
Gedenkstätte (2007)

Im Laufe der Jahrzehnte wuchs die 1988 gepflanzte Buchenhecke zu beachtlicher Höhe.  So entwickelte sich ehemalige Anstaltsfriedhof mit seinen hohen Bäumen zu einem geschützten Ort, an welchem der Besucher sich informieren und dem Leiden der Menschen in der NS-Psychiatrie gedenken konnte.
Die Pfarre St. Mariae Himmelfahrt hält ihrerseits die Erinnerung wach, indem sie alljährlich Fronleichnam auf  der Gedenkstätte feiert.

 

Gedenkstätte III (2017)

Kinast
2. verbesserte Auflage 2011

Durch die Publikation von Andreas Kinast „Das Kind ist nicht abrichtfähig, Euthanasie in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941 – 1943“, herausgegeben vom LVR, wurden die Verbrechen in Waldniel einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die erste Auflage erschien im Jahr 2010, eine zweite  schon im folgenden Jahr. Im Jahr 2014 wurde eine durchgesehene Neuaufauflage des 320 Seiten starken Buches gedruckt.

Im Zusammenhang mit diesem großen, medialen Interesse standen auch die Bemühungen des überregionalen „Arbeitskreises zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation“, der am 12. April 2012 Hostert besuchte und im Anschluss daran den sogenannten „Waldnieler Appell“ als öffentlichen Brief  formulierte. Durch diese Aktion sah sich der LVR als Rechtsnachfolger der Provinzialverwaltung in der Pflicht, sich bei der Weiterentwicklung  des Opfergedenkens in Waldniel-Hostert zu engagieren. Da eine Nutzung der heute baufälligen ehemaligen Anstaltsgebäude der Kosten wegen verworfen werden musste, sollte die seit 1988 vorhandene Gedenkstätte in Zusammenarbeit mit den zuständigen Gremien bzw. engagierten Personen  vor Ort „weiterentwickelt“ werden.

Entwurf Struber_Gruber 1
Computerzeichnung Struber/Gruber

Nach dem Beschluss des Landschaftsausschusses vom 24. Mai 2016 werden 335.000 Euro in die Hand genommen, um den prämierten Entwurf der Wiener Arbeitsgemeinschaft Struber/Gruber zu realisieren. Die Bauarbeiten, Mauer, Ossuarium, Wege, begannen wegen der notwendigen Ausschreibungen erst im Frühjahr 2017. Weitere Informationen
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