Pflege, Mord, Unterricht in Hostert

St. Josefsheim der Franziskaner - Provinzial Heil- und Pflegeanstalt - Nazi-Kindereuthanasie - Erziehungsheim - British Military Hospital - Kent School 

 

St. Josefsheim Waldniel, Luftaufnahme von 1930Die "Franziskanerbrüder von Waldbreitbach", begannen 1909 mit ihrer Arbeit in Waldniel-Hostert. Ihre Tätigkeit endete 1937.


Inhalt

St. Josefsheim Waldniel-Hostert 

Ende des 19. Jahrhunderts wurden am katholischen Niederrhein viele neue Kirchen gebaut. Die Bewohner von Kirspel Waldniel kamen nur über einen Umweg zum eigenen Gotteshaus. Als in Waldniel der „Schwalmtaldom“ gebaut worden war, sammelte man auch im Kirspel Geld für einen Kirchbau. Da aber der Pfarrer von Waldniel und der zuständige Bischof in Münster diesen kategorisch ablehnten, fanden die Bewohner einen Ausweg. Das gesammelte Geld und eine großherzige Stiftung der Geschwister Wix, Hostert, gingen an die "Franziskaner von Waldbreitbach" unter der Bedingung, eine Kirche zu bauen, in der die Anwohner die heilige Messe besuchen konnten.  

Aufgrund der Stiftung der ortsansässigen Familie kam der Orden nach Hostert und baute dort in nur zwei Jahren das St. Josefsheim Waldniel. Die heute noch vorhandene Anlage mit Kirche, Verwaltungstrakt, Schule und zwei weiteren Blöcken wurde 1913 fertig gestellt.  Die Kapelle des St. Josefsheims, wurde 1912 eingeweiht. Die Düsseldorfer Firma Gassen und Blaschke gestaltete die Fenster. In den dreißiger Jahren malte Josef Wahl zusammen mit Bruder Amatus dem Zeitgeschmack (Art Deco) entsprechend den Kirchenraum aus. Am 13. September 1935 waren diese Arbeiten beendet. Franz Xaver Haak aus Erkelenz schnitzte die Reliefs des Hauptaltars, der 1934 geweiht wurde (Chronik der Franziskanerbrüder von Waldbreitbach).  


Anstaltskirche Waldniel-Hostert, 2004
Urspr. Kapelle des St. Josefsheims Waldniel, 2004

Die Franziskanerbrüder kümmerten sich um bis zu 600 männliche Hilfsbedürftige, um schwerst und geistig Behinderte, um Lernschwache und Körperbehinderte. Die Bewohner arbeiteten, entsprechend ihren Fähigkeiten, auf dem Bauernhof und in den zahlreichen Werkstätten. Zu tun gab es genug, denn das St. Josefsheim versorgte sich selbst. Durch Chor, Musikkapelle und Theateraufführungen wurde die Einrichtung zu einem hoch geschätzten kulturellen Mittelpunkt in der ländlichen Gemeinde.

Konvent St. Josefshaus Waldniel, 1930 
Franziskanerkonvent des St. Josefsheims Waldniel, um 1930

Die Nationalsozialisten propagierten das "gesunde" Volk und sprachen in ihrem Rassenwahn Behinderten das Lebensrecht ab. Zunächst wurden geistig Behinderte und geistig Kranke "nur" zwangssterilisiert. Das Allgemeine Krankenhaus Viersen richtete lt. RdMdI vom 16. Oktober 1934 ein Zimmer mit zehn Betten ein,  um den chirurgischen Eingriff zur "Verhütung des erbkranken Nachwuchses" vorzunehmen. Sterilisiert wurden "im Fortpflanzungsalter befindliche" Menschen mit angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, erblicher Fallsucht, Alkoholismus, jugendliche erblich Blinde, Taube....., auch aus Waldniel-Hostert. Das zuständige  "Erbgesundheitsgericht" in Mönchengladbach tagte zwecks Sterilisation von Waldnieler Pfleglingen am 16. April 1935 zum ersten Mal (Chronik der Franziskanerbrüder von Waldbreitbach).

Auch versuchten die Nationalsozialisten in ganz Deutschland systematisch, die katholische Kirche und ihre Gliederungen zu schwächen. Das geschah u.a. 1935-1937 durch eine Lawine von Prozessen. So musste der Franziskanerorden wegen Devisenvergehen hohe Geldstrafen zahlen. Dann wurden zahlreiche Brüder, auch aus Waldniel,  in den „Koblenzer Prozessen“ wegen Homosexualität und Missbrauchs Schutzbefohlener verurteilt. Das war der Grund, dass der Staat nicht mehr den Aufenthalt von Behinderten in Waldniel-Hostert finanzierte. Wurden in der Honschaft Hostert einschließlich des St. Josefsheims im Oktober 1936 noch 590 Personen gezählt, waren es ein Jahr später nur noch 35. (Kreisarchiv Viersen, Wa 611-32) Der Orden meldete Konkurs an, das St. Josefsheim Waldniel wurde versteigert. Die letzten Brüder verließen am 23. Mai 1937 das Haus. 

Der Orden wurde nach den "Koblenzer Prozessen" durch zuständigen Bischof von Trier aufgelöst und unter dem Namen "Franziskanerbrüder vom Heiligen Kreuz" neu gegründet.

Provinzial Heil-und Pflegeanstalt Waldniel

Die Rheinprovinz, heute der Landschaftsverband Rheinland (LVR), war von 1937 bis 1952 Eigentümerin der Anstalt und führte sie als Zweigstelle der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal. In den Kriegsjahren richtete sie in einem Gebäude, dem "Schutzengelhaus" der Franziskaner, zum Zwecke der „Kindereuthanasie“ die "Kinderfachabteilung Waldniel“ ein, in der geistig behinderte Kinder ermordet werden sollten.

Schutzengelhaus, ab 1942 Kinderfachabteilung Waldniel
Frühere Kinderfachabteilung Waldniel, 2006

Aus der Konkursmasse erwarb die Rheinprovinz im Jahr 1937 Waldniel-Hostert für 600.000 RM. Laut Kaufvertrag betrug die Feuerversicherungssumme 1,75 Millionen RM. Der neue Eigentümer baute in Eschenrath ein Haus für den Verwalter der Ökonomie und an der Waldnieler Heide für das Pflegepersonal, das „aufs Land“ ziehen musste, eine Siedlung mit 12 Einfamilienhäusern. 1938 wurde die Franziskusgrotte, die vor dem "Schutzengelhaus" gelegen war, gesprengt (Kreisarchiv Viersen Wa 346-110) und die Schlacke, so erzählt man,  im Januar 1943 zum Wegebau in der gerade im Aufbau befindlichen (Rösler?-)Siedlung benutzt.   


Das NS-Euthanasie-Programm

Zeitgleich mit den Aktionen zur Zwangssterilisation wurde der Pflegesatz für die aufgrund der Fürsorgegesetzgebung untergebrachten Patienten gesenkt. 1935 betrug er offiziell in den Provinzial-Heil- und Pflegeanstalten der Rheinprovinz 2,50 RM/Tag, in Privatanstalten wie dem St. Josefsheim 1,70 RM.  Für den Tagesverpflegungssatz wurden 0,47 RM veranschlagt. In den Konzentrationslagern wurde mit 0,60 RM gerechnet (nach Henrik Graf, Verlegt nach unbekannt, S. 46). Die Sterbezahlen in allen Anstalten stiegen aufgrund Mangelernährung, nicht ausreichender Heizung und mangelhafter Hygiene. Nach dem Krieg ist die Sterblichkeit z.B. in Galkhausen/Langenfeld dreimal hoch wie wie im Jahr 1938 (Sparing, Frank, Hungersterben in rheinischen Anstalten nach 1945, Schatten und Schattierungen, S. 125).

Mit Kriegsbeginn startete Berlin das sogenannte Euthanasie-Programm. Grundlage für diese Verbrechen ein auf den 1. September 1939 datierter Erlass Hitlers. Er verfügte, "die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichen Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung der Gnadentod gewährt werden kann." 

Dieser Text setzte das schon vorbereitete geheime Morden in ausgewählten Tötungsanstalten in Gang. 200.000 Kranken sollte es den Tod bringen. Um die Spuren zu verwischen, wurden die von Medizinern ausgewählten Menschen zuerst in entfernte Anstalten „verlegt“, bis sie dann z.B. in Hadamar nahe bei Limburg an der Lahn vergast oder im besetzten Polen und in Tschechien ermordet wurden. 

Abtransport der Geisteskranken zur Vergasung
Schülerzeichnung aus "Nebenan - eine andere Welt", 1988

Aus Waldniel-Hostert, der Zweigstelle von Süchteln-Johannisthal, wurden laut Transportlisten 1044 Patienten in andere Anstalten transportiert, z.B. zunächst nach Galkhausen/Langenfeld, dann weiter zur Vergasung nach Hadamar. 

Kinderfachabteilung Waldniel

Durch eine 1939 eingeführte Meldepflicht wurden alle Neugeborenen erfasst, die behindert waren. Diese und auch ältere Kinder wurden ab 1940 in neu eingerichteten Tötungsanstalten, den sogenannten Kinderfachabteilungen (KFA), aufgenommen. Davon gab es im gesamten nationalsozialistischen Herrschaftsgebiet etwa dreißig.

In Waldniel-Hostert wurde zu diesem Zweck das ehemalige „Schutzengelhaus“ der Franziskaner zu einer solchen Einrichtung mit 200 Betten umgebaut. Hier war zunächst Dr. Georg Renno, Arzt aus der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz in Niederösterreich, tätig. Dort hatte er die Patienten "begutachtetet", die anschließend mit Kohlenmonoxyd vergast wurden.  

In Waldniel bat er am 23. Februar 1942 die Leitung in Süchteln, die Pflegerin D. zurückzuversetzen, weil sie passiven Widerstand leisten und das übrige Personal aufhetzen würde. Dr. Renno schrieb: „Auf Grund einer Äußerung ... ist anzunehmen, dass D. über die in der Kinderabteilung durchzuführenden Aufgaben im Bilde ist. Trotzdem und trotz der Tatsache, dass sie seit längerer Zeit Parteigenossin ist, hat sie sich gegen die hier durchzuführenden Maßnahmen in direkt feindseliger Weise geäußert, indem sie im Verlauf des erwähnten Gespräches befriedigt erklärte, dass Herr von Galen (Bischof von Münster, Hirtenbrief 1941) das Volk diesbezüglich aufgeklärt habe.“ 

Zum 1. Oktober 1942 wurde Hermann Wesse als Arzt angestellt. 1948 gab dieser vor dem Schwurgericht Düsseldorf zu, in den neun Monaten seiner Tätigkeit in Hostert mit Hilfe von zwei Krankenschwestern dreißig behinderte Kinder durch die Gabe des Schlafmittels Luminal getötet zu haben. 

Der Arzt erklärte, er habe, wie vom Reichsausschuss in Berlin vorgeschrieben, die einzelnen Kinder untersucht, den Befund niedergelegt und am Schluss eine für den Reichsausschuss verwertbare Diagnose angefügt, z.B.: „Das Kind leidet an angeborenem Schwachsinn (oder an hirnorganischem Leiden mit Schwachsinn) im Grade einer Idiotie.“ Bei Fällen eines Schwachsinns schweren Grades schrieb er: „Das Kind ist nicht bildungsfähig“. Dies war das Todesurteil für das betreffende Kind in der Fachabteilung. Denn aufgrund dieser Beurteilung erteilte dann der Reichsausschuss die Weisung: „Das Kind ist der Therapie zuzuführen und Sie haben uns von dem Ergebnis in Kenntnis zu setzen.“ 

Die zur Tötung bestimmten Kinder und Jugendlichen bekamen zunächst je nach Körpergewicht drei bis fünf Luminal-Tabletten. Sie schliefen dadurch ein, bekamen unmittelbar nach dem Erwachen jedoch wieder die gleiche Dosis Luminal. Schließlich wurden sie bewusstlos, bekamen Atemnot, begannen zu röcheln und verstarben unter Schleimaustritt aus Mund und Nase, nach drei bis acht Tagen je nach  Konstitution.

Elschen z.B. erkrankte als Kleinkind an einer schlimmen Infektion. Danach war sie geistig behindert. Mit acht Jahren kam sie wohnortnah in einem kirchlichen Haus unter und besuchte da die Sonderschule. Von dort wurde das Mädchen in die 80 km entfernte KFA Waldniel-Hostert „verlegt“. Hier wurde es am 9. Januar 1943 kurz vor seinem 12. Geburtstag getötet. Als Todesursache bescheinigte der Arzt Hermann Wesse: erworbenes Hirnleiden, doppelseitige Pneumonie. Der Vater erhielt die Nachricht, seine Tochter sei plötzlich an einer Lungenentzündung gestorben. Empört und fassungslos versuchte er, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Es war vergeblich. Elschen wurde nicht auf dem Anstaltsfriedhof, sondern im Heimatort begraben. Mai 2007 wurde ein Stolperstein vor dem Wohnhaus von Elschen in den Bürgersteig eingelassen.

Stolperstein für ein Euthanasie-Opfer, 2007

Anfang Juli 1943 wurde kriegsbedingt die KFA Waldniel-Hostert aufgelöst. Die verbliebenen 183 Kinder wurden in fünf andere „Fachabteilungen“ abtransportiert, z.B. nach Uchtspringe, Brandenburg-Görden und Ansbach. Insgesamt starben während des Bestehens der KFA Waldniel-Hostert hier 97 Kinder, laut Todesbescheinigung an Auszehrung, an Lungenentzündung, an Herz-Kreislaufschwäche....

19 kleine Patienten kamen in die KFA Ueckermünde, heute Mecklenburg-Vorpommern. Von ihnen verstarben innerhalb eines Monats 12.  Von den 38 nach Lüneburg transportierten Waldnieler Kindern überlebten 27 nicht das Kriegsende.

Hermann Wesse war in den folgenden Jahren weiterhin als Tötungsarzt tätig, u.a. in der KFA Uchtspringe/Sachsen-Anhalt. Hier wurden laut Gerichtsurteil insgesamt 350 Kinder und Jugendliche getötet.
1947 wurde Wesse wegen Mord im Kalmenhof-Prozess in Idstein/Ts. zum Tode, 1948 in Düsseldorf wegen der Morde in Waldniel-Hostert zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt und 1965 wegen Haftunfähigkeit aus der Haft entlassen.

Dr. Georg Renno verließ die Kinderfachabteilung Waldniel Anfang 1942 aufgrund einer offenen Lungentuberkulose.  Ein Jahr später war er dann wieder  in Hartheim tätig.  Erst von 1961 an wurde er vor Gericht gestellt. 1967 ging die Anklage von 25.000 in Hartheim Ermordeten, 20.000 Geisteskranken und 5.000 KZ-Insassen, aus.  1975 wurde das Verfahren wegen der Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten endgültig eingestellt. Dr. Georg Renno starb 1997. 

Während der Kriegszeit von Mitte 1943 bis zum Einmarsch der Amerikaner am 1. März 1945 wurde die Zweigstelle Waldniel wegen der Luftangriffe auf die großen Städte als Ausweichkrankenhaus genutzt z.B. für das Städt. Krankenhaus Rheydt. Auch Bewohner von Hephata Mönchengladbach (Kreisarchiv Viersen Wa 663-187) wurden hier untergebracht. In dieser Zeit gab es durchaus arbeitsfähige Patienten in Waldniel, etwa auf dem Gutshof oder in der Küche. Im Februar 1944 waren es 198 (Archiv Brauweiler 13073). Nach Kriegsende wurde in den Jahren von 1946 bis 1952 befand sich in einem Gebäude ein Altersheim für Nicht-Geisteskranke. Ende 1946 waren zwei Ärzte, Dr. Ludwig S. und Dr. Armin T., und 25 weitere Mitarbeiter als in der Anstalt wohnhaft gemeldet (Kreisarchiv Viersen Wa 611-120).

Fürsorge-Erziehungsanstalt Hostert

Nach Kriegsende befand sich 1945 im Schutzengelhaus/Kinderfachabteilung für eine Übergangszeit die Volksschule für die umliegenden Honschaften, ein Provinzial-Erziehungsheim für Jungen und später auch ein Caritas-Heim für schulentlassene Mädchen. 

1950 wurde diese Einrichtung abgelöst durch ein Heim  für ca. 50 schulpflichtige Jungen. Diese lebten in demselben Gebäude wie zuvor die Mädchen.  Als die Briten 1950 fast das ganze Gelände beschlagnahmten, ließen sie den Deutschen zur Nutzung den Gutshof, die Kirche, das Antoniushaus und die heute abgerissenen Wirtschaftsgebäude an der Grenze zur Honschaft Hostert. Die Jungen zogen am 27. August 1951 um und richteten sich im geräumigen  Antonius-Haus ein. Es gab zwei Gruppen, die betreut wurden je von einem Erzieher und einer Erzieherin. In der Michaelsgruppe waren es Herr Joachim Werner und Frau Hedwig.  Diese Gruppe war im Erdgeschoss, die andere im ersten Stock untergebracht.  Im Antoniushaus hatte auch der Leiter der Einrichtung, Direktor Schneider, ein Priester des Bistums Aachen, Wohnung und Büro. Er sorgte dafür, dass die Bezeichnung sich änderte. Aus der Erziehungsanstalt wurde das "Erziehungsheim Hostert".

Die Jungen besuchten nicht die öffentliche Schule, sondern  wurden im benachbarten Wirtschaftsgebäude unterrichtet z.B. von einem pensionierten Rektor aus Waldniel. In der Freizeit benutzten sie auch den heute überbauten Sportplatz neben den Anstaltsfriedhof. Dieser war jedoch für die Jungen tabu - "wegen der Kinder dort". Ausflüge führten die Gruppe z.B. in den Hardter Wald, in das Werksschwimmbad der KUAG in Waldniel oder mit der Eisenbahn nach Brüggen in den Tierpark. 1955 wurde das "Erziehungsheim" aufgelöst, als die Bundesrepublik Deutschland das gesamte Gelände für die britischen Besatzungskräfte kaufte.

Caritas-Jugendheim Hostert
Im Hardter Wald, Januar 1951, Foto: M.W. Honneff
Caritas-Jugendheim Hostert
Karneval im ehemaligen Antonius-Haus, 1953. Foto: M.W. Honneff


British Military Hospital Hostert

1952 wurde die Enteignung des Ordens durch die Nazis rückgängig gemacht. Die Franziskanerbrüder von Waldbreitbach, jetzt die Franziskanerbrüder vom Heiligen Kreuz,  konnten Hostert von der Provinzial zu einem angemessenen Preis zurückkaufen. Sie waren aber nicht in der Lage, das St. Josefsheim wie zuvor zu führen, zumal die britischen Besatzungsmacht seit 1951 (s.o.) einen großen Teil der Anlage beschlagnahmt hatte und als Lazarett nutzte. Daher verkauften die Franziskaner 1955 die Gebäude an den Bund. Der wiederum vermietete sie an die Engländer, die sie noch 37 Jahre lang nutzten.

Im Hardter Wald wurde am 1. Juli 1953 der Grundstein für das „Hauptquartier“ gelegt. Da viele weitere militärische Einrichtungen in unseren Raum verlegt wurden, war ein großes britisches Krankenhaus vonnöten. Bevor die Briten die Gebäude in Hostert nutzten, wurde umgebaut und angebaut. Die beiden zurückliegenden Blöcke von 1913, die Schule mit dem Haus für die schulpflichtigen Jungen und das benachbarte Pflegehaus, wurden durch einen modernen mehrstöckigen Trakt mit vielen Räumen verbunden. Es entstand eine moderne Polyklinik mit zwei OP-Räumen, Kreißsaal und chirurgischen, inneren, pädiatrischen und psychiatrischen Abteilungen. Fast sieben Millionen D-Mark, so eine Ortschronik, wurden verbaut. Als 1957 links vom Anstaltsfriedhof Häuser für britische Soldatenfamilien gebaut wurden, stellte sich aufgrund von Knochenfunden heraus, dass auch auf diesem Gelände 1939 bis 1945 in der Anstalt Hostert verstorbene Patienten bestattet worden waren.

 Kent School Hostert, RAF 1965
Kent School Hostert, 1963

Kent School Hostert

Ab dem 10. September 1963 wurde die Anlage britische Schule. Die technischen Installationen für das Hospital wurden nicht zurückgebaut, vermutlich um die Gebäude in einem Krisenfall (Kalter Krieg!) als Lazarett nutzen zu könne.
Erneut wurde angebaut, jetzt u.a. zwei Turnhallen, Aula und Mensa. In der Kent-School wurden 1400 Jugendliche unterrichtet. 270 von ihnen lebten dort im Internat. 50 Busse brachten täglich die Schüler zum Unterricht. Rechts vom Anstaltsfriedhof wurde im Zuge der Baumaßnahmen ein großer Busbahnhof errichtet.
Die Anfangszeit im ehemaligen Hospital war für Schüler und Lehrer nicht einfach. In „The Kent Chronicle“ berichtet 1965 ein Schüler aus der Klasse 2A humorvoll von seinem ersten Schultag in Hostert: Der von großen grauen Gebäuden, Mauer und Zaun eingefasste Schulhof erschien dem Jungen wie der Hof von Colditz, dem Gefangenenlager für britischen Offiziere in Sachsen (1940-45). Zwei Krankenzimmer für Privatpatienten, deren Trennwand  entfernt war, bildeten das winzige Klassenzimmer. Die Knöpfe, um die Krankenschwester zu rufen, waren überall noch vorhanden, ebenso das Leuchtschild: Operation! Kein Zutritt! .... Hier befand sich im Übrigen das Büro des Direktors.

Kent-School Hostert, 1988
Kent School Hostert, 1987

Weitere Nutzung 1991 - 2016

Infolge der allgemeinen Reduzierung der militärischen Einrichtungen endete Sommer 1991 die Nutzung von Waldniel-Hostert als britische Schule und der Bund bot die Liegenschaft einschließlich der Kapelle zum Kauf an. Sie hatte von 1947 an der Pfarre St. Mariae Himmelfahrt als Pfarrkirche gedient und war 1978 nach dem Neubau an der Waldnieler Heide entwidmet worden.
Die Gemeinde Schwalmtal stellte aus wirtschaftlichen Gründen nur die Kirche und die beiden Gebäude entlang der Straße unter Denkmalschutz, nicht aber die zurückliegenden mit der ehemaligen „Kinderfachabteilung“. Herbst 1991 plante die Landesregierung in Hostert eine Einrichtung für 500 Asylbewerber. Später fanden sich verschiedene Investoren. Gesprochen wurde von einer anspruchsvollen Gastronomie in der ehemaligen Kirche und dem anschließenden Verwaltungsblock, von einem Reiterhotel, einer Wellness-Oase, einer zu erbohrenden heißen Quelle, von einem Jugendhotel mit Harry Potter-Ambiente, von Baumhäusern...... Aber verwirklicht wurde bis heute nichts. Im November 2006 wurde auf Betreiben der Gläubiger die Zwangsversteigerung durchgeführt. Der derzeitige Eigentümer Elmar Janssen, Nettetal, suchte bislang vergeblich nach einem Investor bzw. Käufer.

Nordseite Hostert, 2006
Hostert, von Eschenrath aus, 2006. Im Keller dieses Gebäudes wurde im Frühjahr 2009 eine große Cannabis-Plantage entdeckt.

Fast alle Gebäude werden seit 1991 nicht genutzt und verfallen allmählich durch eindringendes Regenwasser und durch Vandalismus. Allein einige kleinere Gebäude am Nordrand des Komplexes, Ställe und Hausmeisterwohnung, und die Weiden sind verpachtet. 2016 grasten hier wie in den Vorjahren Pferde.




Nachtrag in Englisch:
In der ersten Ausgabe der Schulzeitung der Kent School Hostert schreibt Newall:

My First Impressions
Newall, 2A,  in "The Kent Chronicle 1", Oktober 1965

It was quarter past eight when I joined a group of boys at the bus stop, waiting for the bus that was to take us to Kent School. On the bus we talked about what our new school would be like. We all knew that it had once been a hospital but a section of it had closed down and this was going to be our new school.

After about twenty minutes had passed, a grey, depressing building loomed up behind the trees. Outside the entrance was a sign reading, "Kent School, Hostert". We were taken into what I thought was a cinder-strewn car park but we were given a shock when we were told that it was our playground. On two sides of the playground were buildings and on the other two sides were a fence and a wall. This gave me the feeling of being in the courtyard of Colditz.

We were then taken down into what I thought was a gloomy cellar with rows of benches, but, to our surprise, it turned out to be the assembly and dining hall. Ten minutes later we were told what form we would be in. I was surprised by the smallness of the classrooms; the biggest were more like cells than classrooms. My formroom had accommodated two private patients although the partition had now been knocked down.

On the walls of the building were several signs making it obvious that it had once been a hospital. Outside one main door was a sign which read, "Outpatients Report Here", and another bearing the words, "Out of bounds to all male personnel except on duty". Another sign said, "Operation in progress". In nearly every room there were buttons to press if you wanted a nurse.

Whereas at my previous school we had had Houses, there were none at Kent School and it occurred to me that what I had read and heard about secondary schools was very different from the school I had just joined as a pupil that day. Perhaps, I told myself, first impressions are not always the best. Another saying came into my mind — While there's life, there's hope!

Returning home on the bus that evening I came to the conclusion that there was still life, although it would probably be quite unlike anything I had known before.

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