NS-Psychiatrie in Waldniel 1934 – 1945

Zwangsterilisation      Geplante Mangelversorgung      Der „Euthanasie-Erlass“

Belegung und Verlegungen         Kinderfachabteilung Waldniel     Ausweichkrankenhaus Hehler

Sterbezahlen

Zwangssterilisation

Die Nationalsozialisten propagierten das „gesunde“ Volk und sprachen in ihrem Rassenwahn Behinderten das Lebensrecht ab. Zunächst wurden geistig Behinderte und geistig Kranke zwangssterilisiert. Das Allgemeine Krankenhaus Viersen richtete lt. RdMdI vom 16. Oktober 1934 ein Zimmer mit zehn Betten ein, um den chirurgischen Eingriff zur „Verhütung des erbkranken Nachwuchses“ vorzunehmen. Sterilisiert wurden „im Fortpflanzungsalter befindliche“ Menschen mit angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, erblicher Fallsucht, Alkoholismus, jugendliche erblich Blinde, Taube….., auch aus Waldniel-Hostert. Das zuständige „Erbgesundheitsgericht“ in Mönchengladbach tagte zwecks Sterilisation von Waldnieler Pfleglingen am 16. April 1935 zum ersten Mal (Chronik der Franziskanerbrüder von Waldbreitbach).

Geplante Mangelversorgung

Zeitgleich mit den Aktionen zur Zwangssterilisation wurde der Pflegesatz für die aufgrund der Fürsorgegesetzgebung untergebrachten Patienten gesenkt. 1935 betrug er offiziell in den Provinzial-Heil- und Pflegeanstalten der Rheinprovinz 2,50 RM/Tag, in Privatanstalten wie dem St. Josefsheim 1,70 RM. Für den Tagesverpflegungssatz wurden 0,47 RM veranschlagt. In den Konzentrationslagern wurde mit 0,60 RM gerechnet (nach Henrik Graf, Verlegt nach unbekannt, S. 46). Die Sterbezahlen in allen Anstalten stiegen aufgrund Mangelernährung, nicht ausreichender Heizung und mangelhafter Hygiene. Nach Kriegsende ist die Sterblichkeit z.B. in Galkhausen/Langenfeld dreimal hoch wie wie im Jahr 1938 (Sparing, Frank, Hungersterben in rheinischen Anstalten nach 1945, Schatten und Schattierungen, S. 125).

Der „Euthanasie-Erlass“

Euthanasie-ErlassMit Kriegsbeginn startete Berlin das sogenannte Euthanasie-Programm. Grundlage für diese Verbrechen war ein auf den 1. September 1939 datierter Erlass Hitlers. Er verfügte, „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung der Gnadentod gewährt werden kann.“
Dieser Text setzte das schon vorbereitete geheime Morden in ausgewählten Tötungsanstalten in Gang. 200.000 Kranken sollte es den Tod bringen. Um die Spuren zu verwischen, wurden die von Medizinern ausgewählten Menschen zuerst in entfernte Anstalten „verlegt“, bis sie Als Scheingräber getarnte Massengräberdann z.B. in Hadamar nahe bei Limburg an der Lahn vergast oder im besetzten Polen und in Tschechien ermordet wurden. Aus der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal Zweigstelle Waldniel wurden laut Transportlisten 1044 Patienten in andere Anstalten transportiert, z.B. zunächst nach Galkhausen/Langenfeld, dann weiter zur Vergasung nach Hadamar. Das Foto (links) aus dem Austellungskatalog „Verlegt nach Hadamar“  zeigt als Scheingräber getarnte Massengräber auf dem dortigen Anstaltsfriedhof.

Belegung und Verlegungen

Zur Belegung gibt es einige gesicherte Angaben. Ab 11. September 1939 wurden 326 Patientinnen aus „Maria Hilf“, Gangelt, nach Waldniel verlegt. Am 10. Oktober 1939 waren in der Zweiganstalt 1049 Kranke und 27 Schwestern gemeldet. Waldniel war also heillos überbelegt. Ein Jahr später am 10. Oktober 1940 waren 755 Kranke gemeldet (Kreisarchiv Viersen, Waldniel 611).

Am 19. Mai 1941 wurden 106 Männer, am 16. Juli nochmals 50 nach Galkhausen, heute Langenfeld, verlegt. Viele von ihnen wurden kurz darauf in Hadamar bei Limburg/Lahn vergast. In diesem Jahr wurde auch die Kinderfachabteilung mit 200 Betten im ehemaligen Schulhaus, dem „Schutzengelhaus“, eingerichtet und im Dezember mit ersten Transporten belegt.

Am 14. April 1943 wurden 134 Frauen aus Süchteln-Johannistal, das für die Wehrmacht geräumt wurde, in Hostert 15 als wohnhaft gemeldet (Kreis Viersen, Waldniel 611).  Ab 1. Juli 1943 wurde auch die Zweiganstalt Waldniel „geräumt“. Die Gekrat, Gemeinnützige Krankentransport AG, sollte 510 Männer, 588 Frauen und 176 Kinder abtransportieren (ALVR 13073). Am 14. Juli 1943 sollten 82 geisteskranke Frauen nach Weilmünster (Oberlahnkreis) verlegt werden.

Ab Anfang September 1943 wurde Waldniel nun als „Ausweichkrankenhaus Hehler“ geführt. Bomben- und Unfallopfer wurden hier versorgt. Kleine Patienten z. B. aus der Kinderklinik Düsseldorf fanden 1944 Aufnahme, ebenso an Tuberkulose erkrankte Kinder von „Ostarbeiterinnen“ (Kreisarchiv Viersen, Waldniel 795).

Im Februar 1944 waren 198 geistig Kranke und Behinderte als landwirtschaftliche Arbeitskräfte untergebracht. Am 2. Februar 1944 meldete die Provinzialverwaltung 450 Betten als freigemacht, 38 Betten im Ausweichkrankenhaus belegt und somit 412 Betten belegbar. Seit dem 1. Februar 1943 seien 888 Kranke abtransportiert worden (ALVR 14295). Ende September 1944 wurden die (ausgebombten) Patienten von Hephata, Mönchengladbach, zum Sauerland evakuiert.

Zum Jahr 1942 liegen zurzeit keine Zahlenangaben vor, ebenso nicht zu den Monaten ab Ende Oktober 1944. Als die Front näherrückte, nutzte die Deutsche Wehrmacht die Anstalt als Lazarett, dann ab 1. März 1945 waren es die amerikanischen Streitkräfte.

Ende März 1945 scheint der „normale“ Betrieb der von den Kampfhandlungen weitgehend verschont gebliebenen Zweiganstalt wiederaufgenommen worden sein.

Kinderfachabteilung Waldniel

Durch eine 1939 eingeführte Meldepflicht wurden alle Neugeborenen erfasst, die behindert waren. Diese und auch ältere Kinder wurden ab 1940 in neu eingerichteten Tötungsanstalten, den sogenannten Kinderfachabteilungen (KFA), aufgenommen. Davon gab es im gesamten nationalsozialistischen Herrschaftsgebiet etwa dreißig.

In Waldniel-Hostert wurde zu diesem Zweck das ehemalige „Schutzengelhaus“ der Franziskaner zu einer solchen Einrichtung mit 200 Betten umgebaut. Hier war zunächst Dr. Georg Renno, Arzt aus der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz in Niederösterreich, tätig. Dort hatte er die Patienten „begutachtetet“, die anschließend mit Kohlenmonoxyd vergast wurden.

In Waldniel bat er am 23. Februar 1942 die Leitung in Süchteln, die Pflegerin D. zurückzuversetzen, weil sie passiven Widerstand leisten und das übrige Personal aufhetzen würde. Dr. Renno schrieb: „Auf Grund einer Äußerung … ist anzunehmen, dass D. über die in der Kinderabteilung durchzuführenden Aufgaben im Bilde ist. Trotzdem und trotz der Tatsache, dass sie seit längerer Zeit Parteigenossin ist, hat sie sich gegen die hier durchzuführenden Maßnahmen in direkt feindseliger Weise geäußert, indem sie im Verlauf des erwähnten Gespräches befriedigt erklärte, dass Herr von Galen (Bischof von Münster, Hirtenbrief 1941) das Volk diesbezüglich aufgeklärt habe.“

Zum 1. Oktober 1942 wurde Hermann Wesse als Arzt angestellt. 1948 gab dieser vor dem Schwurgericht Düsseldorf zu, in den neun Monaten seiner Tätigkeit in Hostert mit Hilfe von zwei Krankenschwestern dreißig behinderte Kinder durch die Gabe des Schlafmittels Luminal getötet zu haben. Der Arzt erklärte, er habe, wie vom Reichsausschuss in Berlin vorgeschrieben, die einzelnen Kinder untersucht, den Befund niedergelegt und am Schluss eine für den Reichsausschuss verwertbare Diagnose angefügt, z.B.: „Das Kind leidet an angeborenem Schwachsinn (oder an hirnorganischem Leiden mit Schwachsinn) im Grade einer Idiotie.“ Bei Fällen eines Schwachsinns schweren Grades schrieb er: „Das Kind ist nicht bildungsfähig“. Dies war das Todesurteil für das betreffende Kind in der Fachabteilung. Denn aufgrund dieser Beurteilung erteilte dann der Reichsausschuss die Weisung: „Das Kind ist der Therapie zuzuführen und Sie haben uns von dem Ergebnis in Kenntnis zu setzen.“

Todesbescheinigung Therese, Wa-VII-13Todesbescheinigung Therese Wa-VII-12

 

 

 

 

 

 

Die zur Tötung bestimmten Kinder und Jugendlichen bekamen zunächst je nach Körpergewicht drei bis fünf Luminal-Tabletten. Sie schliefen dadurch ein, bekamen unmittelbar nach dem Erwachen jedoch wieder die gleiche Dosis Luminal. Schließlich wurden sie bewusstlos, bekamen Atemnot, begannen zu röcheln und verstarben unter Schleimaustritt aus Mund und Nase, nach drei bis acht Tagen je nach Konstitution.

Foto: Privatbesitz Marlies H., Köln.

Elschen z.B. erkrankte als Kleinkind an einer schlimmen Infektion. Danach war sie geistig behindert. Mit acht Jahren kam sie wohnortnah in einem kirchlichen Haus unter und besuchte da die Sonderschule. Von dort wurde das Mädchen in die 80 km entfernte KFA Waldniel-Hostert „verlegt“. Hier wurde es am 9. Januar 1943 kurz vor seinem 12. Geburtstag getötet. Als Todesursache bescheinigte der Arzt Hermann Wesse: erworbenes Hirnleiden, doppelseitige Pneumonie. Der Vater erhielt die Nachricht, seine Tochter sei plötzlich an einer Lungenentzündung gestorben. Empört und fassungslos versuchte er, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Es war vergeblich. Elschen wurde nicht auf dem Anstaltsfriedhof, sondern im Heimatort begraben. Mai 2007 wurde ein Stolperstein vor dem WohnhaStolperstein Else H.us von Elschen in den Bürgersteig eingelassen (S. 140-154, Kinast, Das Kind ist nicht abrichtfähig, Köln 2014).

Anfang Juli 1943 wurde kriegsbedingt die KFA Waldniel-Hostert aufgelöst. Die verbliebenen 183 Kinder wurden in fünf andere „Fachabteilungen“ abtransportiert, z.B. nach Uchtspringe, Brandenburg-Görden und Ansbach. Insgesamt starben während des Bestehens der KFA Waldniel-Hostert hier 99 Kinder, laut Todesbescheinigung an Auszehrung, an Lungenentzündung, an Herz-Kreislaufschwäche….
19 kleine Patienten kamen in die KFA Ueckermünde, heute Mecklenburg-Vorpommern. Von ihnen verstarben innerhalb eines Monats 12. Von den 38 nach Lüneburg transportierten Waldnieler Kindern überlebten 27 nicht das Kriegsende.

Hermann Wesse war in den folgenden Jahren weiterhin als Tötungsarzt tätig, u.a. in Uchtspringe/Sachsen-Anhalt und im Kalmenhof/Ts.

Kinderfachabteilung Eichberg. (Zöhren 2015)

Hier wurden laut Gerichtsurteil insgesamt 350 Kinder und Jugendliche getötet. 1947 wurde Wesse wegen Mord im Kalmenhof-Prozess in Idstein/Ts. zum Tode, 1948 in Düsseldorf wegen der Morde in Waldniel-Hostert zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt und 1965 wegen Haftunfähigkeit aus der Haft entlassen.

Dr. Georg Renno verließ die Kinderfachabteilung Waldniel Anfang 1942 aufgrund einer offenen Lungentuberkulose. Ein Jahr später war er dann wieder in Hartheim tätig. Erst von 1961 an wurde er vor Gericht gestellt. 1967 ging die Anklage von 25.000 in Hartheim Ermordeten, 20.000 Geisteskranken und 5.000 KZ-Insassen, aus. 1975 wurde das Verfahren wegen der Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten endgültig eingestellt. Dr. Georg Renno starb 1997.

Ausweichkrankenhaus Hehler

Während der Kriegszeit von Mitte 1943 bis Oktober 1944 wurde die Zweigstelle Waldniel wegen der Luftangriffe auf die großen Städte auch als „Ausweichkrankenhaus Hehler“ genutzt z.B. für das Städt. Krankenhaus Rheydt oder die Kinderklinik Düsseldorf. In Hostert verstarben viele Menschen, z.B. Kinder der Fremdarbeiterinnen aus Düsseldorf oder Bombenopfer der Luftangriffe auf Rheydt. Auch Bewohner von Hephata Mönchengladbach (Kreisarchiv Viersen Wa 663-187) wurden hier untergebracht. In dieser Zeit gab es notwendigerweise auch arbeitsfähige Patienten in Waldniel, etwa für den Gutshof oder die Küche. Im Februar 1944 waren es 198 (ALVR 13073).

Sterbezahlen

In den Jahren 1939 bis 1945 verstarben in der Zweiganstalt Waldniel insgesamt 554 geistig Behinderte und geistig Kranke, unter ihnen 99 Kinder aus der „Kinderfachabteilung“. Die Namen von 75 dieser Kinder und von 363 erwachsenen Patienten finden sich in dem Gräberverzeichnis des Anstaltsfriedhofs. In den Unterlagen des Standesamtes Waldniel, Kreisarchiv Viersen, sind alle, auch die übrigen 116 Todesfälle, dokumentiert. Es sind die Patienten, in deren Todesbescheinigung eine geistigen Krankheit wie Schizophrenie oder eine geistigen Behinderung wie Idiotie als Grunderkrankung festgehalten wurde. Häufig gab der Arzt als Todesursache körperlicher Verfall, Auszehrung, Marasmus, Lungenentzündung oder Tuberkulose sowie eine Herzerkrankung an. Manche dieser Diagnosen lassen sich als Ergebnis der andauernden Mangelversorgung  deuten.

Für die Annahme, dass die Ärztin Dr. Hildegard Wesse, Ehefrau von Hermann, die später in Uchtspringe, heute in Sachsen-Anhalt, dreißig Patientinnen tötete, um Betten freizumachen für Neuankömmlinge, bereits in der Männerabteilung der Zweigstelle Waldniel die Spritze nutzte, um Patienten zu „erlösen“, gibt es bislang keinen Anhaltspunkt, zumal die Patientenakten bislang noch nicht medizinhistorisch ausgewertet worden sind.

Quelle: Todesanzeigen im Kreisarchiv für 1943Das Diagramm der Patienten-Sterbezahlen für das Jahr 1943 basiert auf der Auswertung der Todesanzeigen der Gemeinde, die sich im Kreisarchiv befinden. Es zeigt, dass Anfang Juli 1943 die Abteilung Waldniel in der Tat geräumt gewesen ist.
Die zivilen Sterbefälle im Ausweichkrankenhaus Hehler in den folgenden Monaten, z.B. die Opfer der schweren Bombenangriffe auf Rheydt, sind hier nicht dargestellt. Diagrammentwurf Peter Zöhren, 2016.

 

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