St. Josefsheim Waldniel 1909 – 1937

Ende des 19. Jahrhunderts wurden am katholischen Niederrhein viele neue Kirchen gebaut. Die Bewohner von Kirspel Waldniel kamen nur über einen Umweg zum eigenen Gotteshaus. Als in Waldniel der „Schwalmtaldom“ gebaut worden war, sammelte man auch im Kirspel Geld für einen Kirchbau. Da aber der Pfarrer von Waldniel und der zuständige Bischof in Münster diesen kategorisch ablehnten, fanden die Bewohner einen Ausweg zusammen mit den kinderlosen Geschwistern TotenzettelWix in Hostert. Diese Familie vermachte im Jahr 1907 ihr gesamtes Vermögen, Immobilien und Ländereien, dem Vinzenz-Verein,  einer Jugendfürsorge-GmbH in Köln. Der Wert der Schenkung betrug dem Notariatsvertrag zufolge 55.000 Goldmark.  Der Verein verpflichtete sich, eine Knaben-Erziehungsanstalt nebst Anstaltskapelle zu bauen, in der auch die Anwohner die heilige Messe besuchen konnten.

 

Diese Aufgabe übernahm dann eine Franziskanergenossenschaft. Im Jahr 1909 kamen die ersten beiden Brüder aus Waldbreitbach nach Hostert. Die Charitas-GmbHLuftbild von 1930, Kreisarchiv Viersen Wa-II-373 der  Genossenschaft der Franziskanerbrüder von Waldbreitbach baute dort in nur zwei Jahren das St. Josefsheim Waldniel. Die heute noch vorhandene Anlage mit Kirche, Verwaltungstrakt, Schule und zwei weiteren Blöcken wurde 1913 fertig gestellt. Die Kapelle des St. Josefsheims, wurde 1912 eingeweiht (Lageplanskizze von 1938). 

 

Orgel-Einweihung 1922
Orgeleinweihung

Die Düsseldorfer Firma Gassen und Blaschke gestaltete die Kirchenfenster.  Georg Stahlhut, Aachen,  baute eine Pfeifenorgel, die 1922 eingeweiht wurde. In den dreißiger Jahren malte Josef Wahl zusammen mit Bruder Amatus dem Zeitgeschmack (Art déco) entsprechend den Kirchenraum aus. Am 13. September 1935 waren diese Arbeiten beendet. Franz Xaver Haak aus Erkelenz schnitzte die Statuen des heiligen Josefs mit dem Jesuskind, die Muttergottes auf der Mondsichel sowie den Christus-König-Altar, der 1934 geweiht wurde (Chronik der Franziskanerbrüder von Waldbreitbach).

 

Schusterei 1930
Schusterei

Die Franziskanerbrüder kümmerten sich um bis zu 600 männliche Hilfsbedürftige, um geistig Behinderte, um Lernschwache und Körperbehinderte. Die Bewohner arbeiteten, entsprechend ihren Fähigkeiten, auf dem Bauernhof und in den zahlreichen Werkstätten. Zu tun gab es genug, denn das St. Josefsheim

 

 

versorgte sich selbst. Durch Chor, Musikkapelle 1934 Pfleger und Kinder, Privatbesitz Sarstedtund Theateraufführungen wurde die Einrichtung zu einem hoch geschätzten kulturellen Mittelpunkt in der ländlichen Gemeinde.

Nachdem die Nationalsozialisten im Jahr 1933 an die Macht gekommen waren,  versuchten sie alsbald systematisch in ganz Deutschland die katholische Kirche und ihre Gliederungen zu schwächen. Das geschah u.a. 1935 – 1937 durch eine Lawine von Prozessen. So musste der Franziskanerorden wegen Devisenvergehen hohe Geldstrafen zahlen.

Dreistädtezeitung v. 26.1937
26. Juli 1937

Dann wurden zahlreiche Brüder in den „Koblenzer Prozessen“ wegen Homosexualität und Missbrauchs Schutzbefohlener verurteilt. Vor Gericht war die Wahrheitsfindung schwierig, denn Zeugen dieser Sittlichkeitsdelikte waren leicht beeinflussbare geistig Behinderte. Trotzdem wurden in Koblenz zehn Brüder und zwei weltliche Angestellte aus Waldniel zu Zuchthausstrafen zwischen einem und vier Jahren verurteilt. Das war der Grund, dass der Staat nicht mehr den Aufenthalt von Behinderten in Waldniel-Hostert finanzierte. Wurden in der Honschaft Hostert einschließlich des St. Josefsheims im Oktober 1936 noch 590 Personen gezählt, waren es ein Jahr später nur noch 35 (Kreisarchiv Viersen, Wa 611-32).

Die Charitas-GmbH des Ordens meldete Konkurs an, das St. Josefsheim Waldniel wurde versteigert. Die letzten Brüder verließen am 23. Mai 1937 das Haus. Der Orden wurde nach den „Koblenzer Prozessen“ durch den zuständigen Bischof von Trier Bornewasser aufgelöst und unter dem Namen „Franziskanerbrüder vom Heiligen Kreuz“ neu gegründet.

Im Jahr 1952 kaufte dieser Orden das St. Josefsheim Waldniel zurück. Er konnte das Haus nicht weiterführen, zumal die meisten Gebäude von den Engländern beschlagnahmt waren. 1955 verkauften die Franziskaner vom Heiligen Kreuz die Liegenschaft an die Bundesrepublik Deutschland.