St. Josefsheim Waldniel 1909 – 1937

Ende des 19. Jahrhunderts wurden am katholischen Niederrhein viele neue Kirchen gebaut. Die Bewohner von Kirspel Waldniel kamen über einen Umweg zum eigenen Gotteshaus. Als in Waldniel der „Schwalmtaldom“ gebaut worden war, sammelte man auch im Kirspel Geld für einen Kirchbau. Da aber der Pfarrer von Waldniel und der zuständige Bischof in Münster diesen kategorisch ablehnten, fanden die Bewohner einen Ausweg zusammen mit den kinderlosen Geschwistern Totenzettel; Chronk des St. JosefsheimsWix in Hostert. Diese Familie vermachte im Jahr 1907 ihr gesamtes Vermögen, Immobilien und Ländereien, dem Vincenz-Verein,  einer Jugendfürsorge-GmbH in Köln. Der Wert der Schenkung betrug dem Notariatsvertrag vom 3. Juni zufolge 55.000 Goldmark.  Der Verein verpflichtete sich, eine Knaben-Erziehungsanstalt nebst Anstaltskapelle zu bauen, in der auch die Anwohner die heilige Messe besuchen konnten.

 

Franziskaner von Waldbreitbach

Diese Aufgabe übernahm dann eine Franziskanergenossenschaft. Im Jahr 1909 kamen die ersten beiden Brüder aus Waldbreitbach/Wied nach Hostert. Die Charitas-GmbHLuftbild von 1930, Kreisarchiv Viersen Wa-II-373 dieser Genossenschaft wurde am 16. August 1910 notariell Eigentümerin der Liegenschaft und baute dort in nur zwei Jahren das St. Josefsheim Waldniel. Architekten waren die Gebrüder Friedhofen, Koblenz. Die heute noch vorhandene Anlage mit Kirche, Verwaltungstrakt, Schule und zwei weiteren Blöcken wurde 1913 fertig gestellt, die Kapelle des St. Josefsheims, schon 1912 eingeweiht.

 

Planskizze, Gemeindeverwaltung Schwalmtal
Planskizze (1938)

Finanziert wurde das beeindruckende Bauvorhaben durch Eigenmittel und durch zinslose Darlehen der Landesbank, die den Träger dieser „Privatanstalt“ verpflichteten, die durch die staatliche Fürsorge zugewiesenen Personen aufzunehmen und zu pflegen. Es waren in der Regel geistig Behinderte,  die vom Provinzialverband eingewiesen wurden. Landesrat Dr. Wiehl (Horion, 1925)  zufolge befanden sich im Jahr 1924 in solchen kirchlichen Einrichtungen der Rheinprovinz 2999 „Idioten“.

Der Block I, das Schutzengelhaus, war eine Sonderschule mit Aula und Schlafräumen für die dort unterrichteten Jungen. In Block II, dem Franziskushaus, lebten die geistig Behinderten, denen eine „nützliche“ Tätigkeit beigebracht wurde. Im dritte1934 Pfleger und Kinder, Privatbesitz Sarstedtn Block, dem Antoniushaus, wurden die Patienten untergebracht, die beobachtet und gepflegt werden mussten. Sie konnten wegen ihrer schwe­ren Behinderung weder eine Tätigkeit erlernen noch unterrichtet werden. Block IV war das Verwaltungsgebäude mit Klausur und Kir­che. Im Vincenzhaus an der Landstraße nach Mönchengladbach, dem sogenannten Wix-Haus, waren Werkstätten.

Ansichtskarten-Paket, Privatvesitz: ZöhrenDas St. Josefsheim Waldniel bemühte sich  um Privatzahler. Angesprochen wurden Eltern, deren Jungen schwachbegabt waren und in der öffentlichen Schule nicht mitkamen. Dazu gab das Haus mehrere Broschüren mit heraustrennbaren Ansichtskarten heraus. Im Klappentext wurde „die schöne wie gesunde, industriefreie und ruhige Lage der Anstalt“ hervorgehoben. Eine Straßenbahnlinie verband sie mit dem 12 Kilometer entfernten Bahnhof in Mönchengladbach.

Die Anstalt war Selbstversorger. Wasser pumpte man aus einem eigenen Brun­nen an Block I. Der Gutshof, Ökonomie-Neubau von 1925, im Norden des Areals gelegen, und eine Gärtnerei versorgten die rund 600 Bewohner mit den nötigen Lebensmitteln. Geschlachtet wurde in der eigenen Metzgerei. Ebenso gab es Bäckerei und Ansichtskarte Korbmacherei um 1930, Privatbesitz ZöhrenGroßküche, wie auch verschiedene Handwerksbetriebe: Schlosserei, Wä­scherei, Schreinerei, Schneiderei, Schuh-, Korb-, Bürstenmacherei, Weberei. Zu den Tätigkeiten in Handwerk, Gartenbau und Landwirtschaft wurden die Zöglinge angeleitet oder ausgebildet. Daß dieses große Gemeinwesen lebensfähig war, lag einerseits am Einsatz der Brüder, andererseits an der kräftigen Mitarbeit der jugendlichen und erwach­senen Bewohner. Die meisten, die selbständig genug waren, sich im Leben allein zurechtzufinden, wurden nach der Schule und dem Erlernen eines Hand­werks entlassen. Manche heirateten in die Umgebung und arbeiteten im Heim als Ölonomie, Neubau von 1925, Ansichtskarte, Privatbesitz: ZöhrenHandwerker weiter. Für viele andere aber bildete das St. Josefsheim ein Zu­hause. Diese „Jungen“ arbeiteten in dem „beschützten“ Raum der Anstalt unter Anleitung der Brüder und der Hilfskräfte. Sie rodeten in den Anfangsjahren Heide- und Waldparzellen entlang der Rickelrather Straße (heute L 3),  bestellten mit Pferd und Pflug die Äcker, brachten die Pferde zum Schmied nach Naphausen, lasen die Kartoffeln in Körbe, arbeiteten im Garten, auf dem Hof (Ansichtskarte aus den Dreißiger Jahren) oder in den Werkstätten.

Manche Bewohner waren nicht lernschwach, sondern körperbehindert wie Hans K, der als Schuster arbeitete. Er konnte wegen einer Mißbildung des Rückens nur sitzende Tätigkeiten ausüben. „Hänske met de dekke Futt“ nannten ihn die Kin­der. Im Jahr 1937, als die Provinzialverwaltung die Anstalt übernahm, wurde er von den Brüdern als Privatpatient im St. Josefshaus Hardt untergebracht. Dort überlebte er den Krieg und starb in den fünfziger Jahren.

Schutzengelhaus: Klassenraum, Ansichtskarte, Die schulpflichtigen bildungsfähigen Jungen lebten im „Schutzengelhaus“, dem Block I. Hier gab es große, helle Klassenräume mit Zweiertischen. Das Lehrerpult stand nicht, wie damals üblich, erhöht, sondern ebenerdig. Im Lehr­mittelzimmer befanden sich viele ausgestopfte Tiere und Vögel unserer Hei­mat. Wichtig war auch eine Art Werken, die Anleitung zu „nützlichen“ Tätigkei­ten als Vorstufe für ein Handwerk. Zu St. Martin bauten die Brüder mit den Behinderten z.B. 2,50 m lange Fackeln, sogenannte Zeppeline.

In Block III, dem „Antoniushaus“, lebten die Pfleglinge, „bei denen die Aufgabe der Brüder nur darin bestand, sie zu verwahren, zu pflegen und an Reinlichkeit, gute Sitte und Ordnung zu gewöhnen“. Diese Schwerstbehinderten „erforderten Tag und Nacht eine umsichtige, sach­gemäße Betreuung, die mit vielen Opfern für die Krankenbrüder verbunden war. In dieser Abteilung waren auch Tuberkulosekranke. So vermerkt das Totenbuch der katholischen Pfarre St. Michael Waldniel für 1936 zwei Sterbe­fälle der Anstalt Hostert mit der Notiz „Blutsturz“. (Totenbuch, Diözesanarchiv Aachen). Für die medizinische Be­treuung war in dieser Zeit ein Arzt im Hauptamt angestellt. Als die Anstalt noch im Aufbau war, wurde ein Arzt aus Waldniel gerufen (Aus Zöhren „Nebenan – eine andere Welt“).

Ausschnitt, Foto: Chronik des St. JosefsheimsIn dem St. Josefsheim lebten und arbeiteten bis zu 40 Laien-Brüder. Gemäß ihrem Gelübde trugen sie das Habit der Franziskaner. Geleitet wurde die Einrichtung von einem Vorsteher.

Ein Geistlicher war angestellt. Der letzte war Matthias Waterloo aus Luxemburg, der 1925 seinen Dienst antrat.

Zeitungsausschnitt, Chronik des St. JosefsheimsIm Jahr 1932 feierte er sein Silbernes Priesterjubliläum. Der nebenstehende Bericht der Dreistädte-Zeitung dokumentiert die Aktivitäten der Einrichtung und ihre Verbundenheit mit den Menschen der Umgebung. Nach der Auslösung des Heims im Frühjahr 1937 kam der Geistliche zunächst in Hardt unter. Im Jahr 1947 verstarb er in Mönchengladbach-Windberg und wurde auf dem Anstaltsfriedhof in Hostert beerdigt. Waterloo wurde 1957 nach Waldbreitbach umgebettet.

 

Die Düsseldorfer Firma Gassen und Blaschke gestaltete die farbigen Kirchenfenster.  Georg Stahlhut, Aachen,  baute eine Pfeifenorgel, die 1922 eingeweiht wurde. In den dreißiger Jahren wurde schließlich  bedeutend in die Ausgestaltung der Anstaltskapelle investiert. Ein neuer Hochaltar wurde errichtet. Kommunionbank, Beichtstuhl und  der Bildstock der „Immerwährenden Hilfe“ folgten. Diese Holzarbeiten Christus-König Hochaltar, Foto: privaterledigte der dazu im Haus angestellte Kunstschreiner Hans Bäumges. Franz Xaver Haak aus Erkelenz schnitzte die Figuren für den Christus-König-Altar, der 1934 geweiht wurde, und auch die Statuen des heiligen Josefs mit dem Jesuskind und die Muttergottes auf der Mondsichel für die Seitenaltäre.

Josef Wahl, Düsseldorf 1875 -1951,  malte zusammen mit Bruder Amatus dem Zeitgeschmack (Art déco) entsprechend den Kirchenraum aus. Besonders beeindruckend waren die vier monumentalen Heiligenfiguren oberhalb der beiden Seitenaltäre. Am 13. September 1935 waren diese Arbeiten beendet.  (Chronik der Franziskanerbrüder von Waldbreitbach).

 

Musikkapelle, Ansichtskarte,Privatbesizu: ZöhenDurch Chor, Musikkapelle und Theateraufführungen wurde die Einrichtung, so  berichteten die Anwohner mir im Jahr 1987, zu einem hoch geschätzten kulturellen Mittelpunkt in der ländlichen Gemeinde. Denn die Franziskanerbrüder  verfolgten bei ihrer Arbeit mit den Behinderten geschickt ein ganz modernes Konzept. Um eine Isolation der Zöglinge zu vermeiden, schlossen sie die Anstalt gegenüber den Anwohnern nicht ab, sondern öffneten sie für große und kleine Gäste sowie durch bereitwillige Hilfe. Wenn z.B. Bauern bei der Ernte oder im Stall Hilfe brauchten, schickten die Brüder „Jungen“ dorthin. Lagerten Zigeuner vor der Anstalt, gab es für sie aus der Küche Essen bzw. Lebensmittel. Zu Nikolaus wurden die Kinder der Umgebung mit Äpfeln aus dem eigenen Obstgarten und einem Weckmann aus der Hausbäckerei beschenkt. Zur Kinderkommunion gab es für die Bedürftigen Fleisch und Backwerk. Auch die Brüder selbst zeigten sich hilfsbereit und übten als Fachleute Krankenpflege in der Nachbarschaft. Schnell waren sie zur Stelle, als die Eltern des kleinen, lebensbedrohlich erkrankten August L. nicht mehr weiter wussten und sie um Hilfe riefen. Auch der Anstaltsarzt Dr. Macke kam in die Häuser. Er operierte Geschwüre und Leistenbrüche und leistete bei Unfällen erste Hilfe. Im Mai 1935 führte er den Vorsitz im Kriegerverein Kirspel Waldniel.

Karussel, Ansichtskarte, Privatbesitz: ZöhrenFür die Kinder der Umgebung war die Anstalt attraktiv. Da gab es einen Fußballplatz neben dem Anstaltsfriedhof, einen Spielplatz, ein Pferdekarussell mit Selbstantrieb und Drehorgel, ein Gehege mit Rehen, die Grotte mit dem Atelier, in dem Bruder Amatus arbeitete und sich oft mit den jungen Gästen beschäftigte. Viele Kinder waren jeden Sonntag in der Anstalt.

 

Ansichtskarte, Zwischen den jungen Patienten und den Gleichaltrigen der Umgebung gab es auch institutionalisierte Kontakte, Gesunde wie Behinderte waren Meßdiener oder sangen im Knabenchor. Gemeinsam führten sie um 1930 unter Bruder Nazarius zu Festtagen mehrstimmige Messen auf. Ältere Jugendliche aus dem Heim spielten um 1935 im Sportclub Waldniel Fußball. Sie trainierten nicht nur mit, sondern spielten auch in der gutplazierten 1. Mannschaft. Ganz wichtig waren die großen Feste des St. Josefsheims, zu denen Besucher von nah und fern kamen. Da gab es zu Weihnachten die Krippenausstellungen in den einzelnen Häusern, im Sommer das Waldfest, bei dem die ganze Gemeinde für einen Tag auf die Heide zog, dorthin, wo heute die 1939 gebaute Röslersiedlung steht, und die im Heim organisierte Kirmes mit zahlreichen Buden, auf der die 30köpfige Blaskapelle (aus Brüdern und Behinderten) aufspielte. Auch der Martinszug mit den heute noch gerühmten großen Fackeln zog die Besucher an. Damit der Zug auch „geordnet“ marschieren konnte, lieh sich dann der Patient Karl S. den Tschako des Gemeindepolizisten. Am 13. November 1935 berichtete die „Dreistädtezeitung“ Viersen: „Im St. Josefsheim wurde am Montagabend das St. Martinsfest begangen. In einem schönen Fackelzug zogen die Insassen des Hauses durch die Anlagen und umliegenden Straßen, voraus St. Martin und die Hauskapelle. Hell klangen  die Lieder vom St. Martin in den Abend. Auf dem Hof des Hauses mündete der Zug. Hier wurde das große Martinsfeuer abgebrannt, wobei die Mantelteilung… symbolisiert wurde. Recht viele Nachbarn sahen sich den Fackelzug an…“ ( Dreistädte-Zeitung vom 15. Mai 1935).

Aula, Ansichtskarte, Privatbesitz: ZöhrenDie Aula des Heims fasste über 200 Personen. Sie wurde auch von Gruppen der katholischen Pfarren der Umgebung genutzt. So traten hier der „Jungfrauenverein“ aus Waldniel und das „Landvolk“ aus Lövenich bei Erkelenz auf. Die Jungen des Heimes spielten im Laufe des Jahres auf der Bühne der Aula „Lustakte“ oder dramatische Stücke wie „Hauptmann Jaguar – Die Christenverfolgung von Mexiko“. Auch Reigen wie „Die Waldmännlein“ wurden aufgeführt. Zuschauer waren neben den Zöglingen und ihren Angehörigen die Jungen der Umgebung. Mädchen durften nur mit besonderer Erlaubnis zugucken. Zu manchen Aufführungen kamen Gäste mit Sonderbussen.

Sicherlich waren die Hilfsbereitschaft und die Öffnung des Hauses nach außen nicht nur im Konzept der heilpädagogischen Arbeit begründet, sondern auch in der christlichen Einstellung der Franziskaner gegenüber Kranken, Schwachen, Behinderten und sozialen Randgruppen. Diese Öffentlichkeitsarbeit wirkte lange nach. Noch 2018 sprachen die „Alten“ in Berg, Eschenrath, Naphausen, Hostert und Hehler respektvoll von der Arbeit der Brüder.

Um so härter traf damals die Nachricht, die Brüder hätten Devisen geschmuggelt und sich an den ihnen anvertrauten Patienten vergangen.

„Koblenzer Prozesse“

Dreistädtezeitung v. 26.1937. Stadtarchiv Viersen
26. Juli 1937

Nachdem die Nationalsozialisten im Jahr 1933 an die Macht gekommen waren,  versuchten sie alsbald systematisch in ganz Deutschland die katholische Kirche und ihre Gliederungen zu schwächen. Das geschah u.a. 1935 – 1937 durch eine Lawine von Prozessen. So musste der Franziskanerorden wegen Devisenvergehen hohe Geldstrafen zahlen. Dann wurden zahlreiche Brüder in den „Koblenzer Prozessen“ wegen Homosexualität und Missbrauchs Schutzbefohlener verurteilt. Vor Gericht war die Wahrheitsfindung schwierig, denn Zeugen dieser Sittlichkeitsdelikte waren leicht beeinflussbare geistig Behinderte. Trotzdem wurden in Koblenz zehn Brüder und zwei weltliche Angestellte aus Waldniel zu Zuchthausstrafen zwischen einem und vier Jahren verurteilt. Das war der Grund, dass der Staat nicht mehr den Aufenthalt von Behinderten in Waldniel-Hostert finanzierte. Wurden in der Honschaft Hostert einschließlich des St. Josefsheims im Oktober 1936 noch 590 Personen gezählt, waren es ein Jahr später nur noch 35 (Kreisarchiv Viersen, Wa 611-32).

Konkurs

Die Charitas-GmbH des Ordens meldete Konkurs an, das St. Josefsheim Waldniel wurde versteigert. Neuer Eigentümer wurde die Verwaltung der Rheinprovinz. Die letzten Brüder verließen am 23. Mai 1937 das Haus. Die Ordensgenossenschaft wurde nach den „Koblenzer Prozessen“ durch den zuständigen Bischof von Trier Bornewasser aufgelöst und unter dem Namen „Franziskanerbrüder vom Heiligen Kreuz“ weitergeführt.

Im Jahr 1952 kaufte dieser Ordensgenossenschaft das St. Josefsheim Waldniel von der Provinzialverwaltung zu einem „angemessenen“ Preis zurück,  konnte aber das Haus nicht weiterführen, zumal die meisten Gebäude von den Engländern beschlagnahmt waren. 1955 verkauften die Franziskaner vom Heiligen Kreuz die Liegenschaft an die Bundesrepublik Deutschland.