Gedenkort Anstaltsfriedhof

Gedenkstätte für Opfer der NS-Psychiatrie, Mai 2019

Gedenkstätte für die Opfer der NS-Psychiatrie

Kinast
2. verbesserte Auflage 2011

Durch die Publikation von Andreas Kinast „Das Kind ist nicht abrichtfähig, Euthanasie in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941 – 1943“, herausgegeben vom LVR, wurden die Verbrechen in Waldniel einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die erste Auflage erschien im Jahr 2010, eine zweite  schon im folgenden Jahr. Im Jahr 2014 wurde eine durchgesehene Neuaufauflage des 320 Seiten starken Buches gedruckt.

Im Zusammenhang mit diesem großen, medialen Interesse standen auch die Bemühungen des überregionalen „Arbeitskreises zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation“, der am 12. April 2012 Hostert besuchte und im Anschluss daran den sogenannten „Waldnieler Appell“ als öffentlichen Brief  formulierte. Durch diese Aktion sah sich der LVR als Rechtsnachfolger der Provinzialverwaltung in der Pflicht, sich bei der Weiterentwicklung  des Opfergedenkens in Waldniel-Hostert zu engagieren. Da eine Nutzung der heute baufälligen ehemaligen Anstaltsgebäude der Kosten wegen verworfen werden musste, sollte die seit 1988 vorhandene Gedenkstätte in Zusammenarbeit mit den zuständigen Gremien bzw. engagierten Personen  vor Ort „weiterentwickelt“ werden.

Nach dem Beschluss des Landschaftsausschusses vom 24. Mai 2016 wurden 335.000 Euro in die Hand genommen, um den prämierten Entwurf der Wiener Arbeitsgemeinschaft Struber/Gruber zu realisieren. Die Bauarbeiten, Mauer, Ossuarium, Wege, begannen in Folge der vorgeschriebenen Ausschreibungen im Frühjahr 2017. Am 29. Mai 2018 wurde der neu gestaltete Erinnerungsort der Öffentlichkeit übergeben. Zum Bericht.        Weitere Informationen

Gedenken und Erinnern 1962 – 2017

Die kritische Auseindersetzung mit der NS-Geschichte der Anstalt in Waldniel-Hostert entwickelt sich allmählich im Laufe der Jahrzehnte. Es lassen sich zwei Phasen unterscheiden. Die erste beginnt im Jahr 1962, als die in der Kommunal- bzw. Kirchengemeinde Verantwortlichen durch die Gräberlisten mit den NS-Verbrechen konfrontiert werden, ihre Kenntnisse aber nicht öffentlich machen. Das geschieht erst zehn Jahre später durch eine pfarrliche Informationsschrift, die über die Tötung lebensunwerten Lebens in Hostert informiert, und weitere zehn Jahre später durch eine Tafel an einem Hochkreuz, welche an die 1939 bis 1945 Ermordeten erinnert. Die zweite Phase beginnt, als die Gemeinde Schwalmtal auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof eine Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie gestaltet und der Hauptschule die Patenschaft überträgt.

Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie (1988 – 2017)

Im August 1985 beschäftigte sich der Rat der Gemeinde Schwalmtal auf einen Bürgerantrag hin mit den NS-Verbrechen in Waldniel-Hostert. Ratsherr Hubert van Horrick schlug vor, aus dem Anstaltsfriedhof eine Gedenkstätte zu machen. Anfang 1986 beschloss der Jugend-, Kultur- und Sozialausschuss der Gemeinde einstimmig, den mittlerweile entwidmeten  Friedhof von der Pfarre zu pachten und als Gedenkstätte für die Opfer der „Nazi-Euthanasie“ herzurichten. Die Patenschaft für die entstehende Gedenkstätte wurde Anfang 1987 der Hauptschule Schwalmtal, heute Europaschule, auf ihren Antrag hin übertragen.

Hauptschüler 1987 bei der Arbeit, Foto: Zöhren
Planierarbeiten (1987)

Die Schüler der 9b beteiligten sich im Sommer 1987 mit großem Einsatz an den Arbeiten zur Herrichtung der Gedenkstätte. Zusammen mit mir als Klassenlehrer  machten sie sich in Klasse 10 daran, die Geschichte der Anstalt und ihrer Bewohner zu erforschen. Daraus entstand zunächst Frühjahr 1988 im Rahmen einer Projektwoche eine Plakatwand zu dem NS-Verbrechen, die im Bürgerhaus der Gemeinde und dann auch im Kreishaus in Viersen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Cover von 1988In demselben Jahr wurde die Broschüre über die Anstalt in Hostert, die Arbeit der Franziskaner, die „Kinderfachabteilung“ und das „Euthanasie-Programm“ der Nazis in der Werkstatt für Behinderte in Oberbruch, Kreis Heinsberg, gedruckt. Das Heft wurde 2005 im Heilpädagogischen Zentrum Krefeld-Kreis Viersen neu aufgelegt. Das Heft ist zu einem Preis von 2 € zu beziehen beim Autor (s. Impressum), beim Bürgerservice im Rathaus und in der Europaschule, Schwalmtal Schulstr. 50.

 

Gedenkstätte Hostert Stein, Foto: Zöhren
Kissenstein (1988)

Die Inschrift auf dem Kissenstein „Den unschuldigen Opfern“ war den kleinen und großen Patienten gewidmet, die in Waldniel-Hostert gestorben sind bzw. in der Kinderfachabteilung ermordet wurden.

 

Bronzetafel 1988
Bronzetafel (1988)

Am 26. November 1988 wurde die Gedenkstätte in einer Feierstunde, begleitet von Presse und Fernsehen, der Öffentlichkeit übergeben. Zum Bericht

 

Gedenkstätte (1962 – 1988)

Anstaltskapelle 1968Da die kath. Kirchengemeinde St. Mariae Himmelfahrt die Anstaltskapelle seit 1947 als Kirche nutzte, war es verständlich, dass man im Jahr 1958 vom Bund den nicht mehr gepflegten Friedhof zur eigenen Nutzung erwarb. Jedoch stellte sich heraus, dass er „überbelegt“ war und wegen der Einhaltung der Ruhefristen keine Beerdigungen vonseiten der Pfarre vorgenommen werden durften.

 

Einladung St. Josefs-Schützenbruderschaft 1962Daher wurde 1962 die ca. 2.400 qm große Friedhofsparzelle mit großem Aufwand, mit Eigenleistung und finanzieller Unterstützung des Bistums Aachen in Höhe von 9.200 DM, als Ehrenfriedhof gestaltet. Wege wurden angelegt, Fichten und Laubbäume gepflanzt und ein Hochkreuz als Ehrenmal errichtet.  Die Inschrift auf rechten Seite erinnerte an die in den Weltkriegen Gefallenen, die auf der linken war gewidmet „Den Toten auf diesem Friedhof – St. Josefsheim Hostert – 1939 -1945“. Totensonntag 1962 wurde diese Gedenkstätte (Einladung der St. Josefs-Schützenbruderschaft Hehler) eingeweiht.

 

Gedenkstätte Hostert, Privatbesitz: Zöhren
Hochkreuz (1962)

Nachdem im Jahr 1978 eine neue Pfarrkirche an der Waldnieler Heide eingeweiht worden war, bemühte sich der Kirchenvorstand, den ehemaligen Friedhof durch Verkauf oder Tausch los zu werden. Das Hochkreuz wurde abgebrochen, der Amtsarzt des Kreises gab 1979 grünes Licht zur Entwidmung, aber es fand sich kein Interessent.

Tafel von 1982 am Hochkreuz, Privatbesitz Zöhren
Opfergedenken (1982)

 

Im Jahr 1980 wurde das Hochkreuz im Pfarrgarten der neuen Kirche wieder aufgebaut und zwei Jahre später  mit zwei Gedenktafeln versehen. Eine erinnert an das Leiden und Sterben der geistig Behinderten und Kranken in der Anstalt: „Den unschuldig Ermordeten, St. Josefsheim Hostert, 1939-1945“.


Anstaltsfriedhof Waldniel-Hostert

Die ursprüngliche Friedhofsparzelle des St. Josefsheims Waldniel war 1.210 Quadratmeter groß und lag nordwestlich der Anstaltsgebäude am Rand der Liegenschaft. Unter der Provinzialverwaltung änderte sich die Belegung der Pflegehäuser, so dass  es notwendig wurde, den Friedhof zu erweitern. Dies war ohne Probleme möglich, da auf der einen Seite ein Sportplatz und auf der anderen Gartenflächen zur Verfügung standen. Eine n i c h t maßstäbliche Planskizze zu einem Bauantrag  gibt die Situation im Jahr 1938 wieder. Im Jahr 1958 wurde der Bestattungsplatz mit einer Fläche von ca. 2.400 qm in den Kataster eingetragen.


Gräberlisten

Die Gräberliste der erwachsenen Kranken führt für die Zeit der Provinzial-Heil-und Pflegeanstalt Abteilung Waldniel 523 Berdigungen auf, von Nr. 301 (1937) bis Nr. 822 (Juli 1951), darunter sind die von 5 Kindern.

Die separate Liste für die Kindergräber beginnt mit Nr. 1001 und endet mit Nr. 1079. Es sind 70 Kinder aus der Kinderfachabteilung Waldniel aus den Jahren 1942/43 sowie 9 aus dem Jahr 1944 (Archiv Pfarre St. Mariae Himmelfahrt, jetzt St. Matthias, Schwalmtal).

1943/44 beherbergte die Anstalt das Ersatzkrankenhaus Hehler, in welchem u. a. auch Patienten aus Rheydt und aus der Kinderklinik Düsseldorf behandelt wurden (Kreisarchiv Viersen).  Im Jahr 1944 gab es nur 17 (siebzehn!) Beerdigungen, 8 Erwachsene, 9 Kinder. Zwei russische Kindergräber, Grab.-Nr. 1075 bzw. 1078 waren noch 1949 laut Planskizze auf dem Friedhof am Rand zum Sportplatz hin aufzufinden (Kreisarchiv Viersen).

Patientengräber

Gräberplan Anstaltsfriedhof, Archiv Pfarre St. Matthias, Schwalmtal

Der Friedhofsplan der Franziskaner ist erhalten (Pfarrarchiv St. Matthias). Er zeigt die „Anordnung der Gräber auf dem Friedhof des St. Josefsheims“. Die letzte Bestattung, Grab-Nr. 300, erfolgte im Dezember 1936.

Unter der Provinzialverwaltung, Stempel oben rechts,  wurden die Gräber nicht mehr in Tusche eingetragen, sondern in Bleistift. Für die Zeit nach dem 23. März 1941, Grab-Nr. 441, existiert kein Plan. Genaue Lagebestimmungen einzelner Gräber sind deshalb für den Zeitraum bis 1951 nicht möglich.  Hinzu kommt, dass es, wie verschiedene Zeitzeugen berichteten, auch Sammelgräber gab. Eines wurde bei den Bauarbeiten zum Ossuarium im Sommer 2017 angeschnitten (Archäologie im Rheinland 2017, S. 200). Weitere haben sich laut Zeitzeugen im hinteren linken Viertel des heutigen Grundstücks befunden.

Kindergräber

Für die kleinen Patienten der Kinderfachabteilung gab es ein eigenes Gräberfeld. Hier wurden laut Gräberverzeichnis zwischen dem 27. Januar 1942 und dem 1. August 1943 70 Kinder bestattet. Vermutlich lag es abseits des Friedhofs für die erwachsenen Patienten am nördlichen Rand des bereits erwähnten Sportplatzes.
Als man nämlich im Jahr 1957 auf dieser Parzelle Einfamilienhäuser für das britische Militär errichtete, wurde beim Bau der Trinkwasserleitung dieses Gräberfeld angeschnitten und es wurden Kinderknochen ans Tageslicht befördert.
Nachdem im Jahr 2012 ein Rohrbruch dort umfangreiche Erdarbeiten verursacht hatte, fanden die Hauseigentümer bei Gartenarbeiten vier Knochenstücke. Die Gerichtsmedizin Duisburg befand, dass es sich um menschliche Überreste handelte und die Liegezeit wegen der Porosität und des geringen Gewichts mindestens fünfzig Jahre betragen hatte. Ein Fragment wurde (Archäologie im Rheinland 2017, S. 199) als das deformierte Hüftbein eines Säuglings identifiziert. Die Knochen wurden in der Gerichtsmedizin vernichtet. Zwei Knochenreste, die 2018 auf dem Grundstück gefunden wurden, waren laut Gerichtsmedizin Tierknochen.

Umbettungen

Neben den Patientengräbern gab es aus der Zeit der Franziskaner die Gräber von 9 Brüdern und 3 Priestern. Diese wurden nach dem Verkauf des Geländes an den Bund  im Frühjahr 1957 umgebettet (Archiv der Franziskanerbrüder v. Heiligen Kreuz).

1958 wurden noch v i e r Patientengräber (aus den Jahren 1939, 1942, 1945, 1948)   in einem gepflegten Zustand vorgefunden. Die Umbettungen wurden durch die Gemeindeverwaltung Waldniel in die Wege geleitet (Kreisarchiv).

Nach den Kämpfen am 1. März 1945 wurden 53 Soldaten und 5 Zivilisten am Rand des Anstaltsfriedhofs entlang des Fahrweges beerdigt. Am 8. Dezember 1 9 5 3 wurden sie nach Wickrath umgebettet, 2 Zivilisten nach Waldniel (Kriegsgräberfürsorge).

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